„Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“ – Rezension von Johannes Kösegi

Gesellschaftsporträt aus persönlicher Sicht

Es war eine bewegte Zeit in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) hielt das Volk und die Justiz jahrelang in Atem. Parolen wie „RAF dich auf“ oder „Lass dich nicht BRDigen“ standen an den Häuserwänden und in Szeneblättern. Nach einigen filmischen Dokumentationen und Dramatisierungen, darunter der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ (1978) von mehreren renommierten Regisseuren oder „Stammheim“ (1986) von Reinhard Hauff, folgt jetzt eine neue Dokumentation mit einem sehr persönlichen Blick auf dieses wichtige Kapitel deutscher Geschichte.

Der Dokumentarfilmer Felix Moeller erzählt in „Sympathisanten – Unser Deutscher Herbst“ (101 Minuten), unter anderem in Gesprächen mit seiner Mutter Margarethe von Trotta sowie seinem Stiefvater Volker Schlöndorff, von einer aufgeladenen Epoche bundesrepublikanischer Geschichte. Daneben kommen als Zeitzeugen zu Wort Peter Schneider, René Böll, Marius Müller-Westernhagen, Daniel Cohn-Bendit, Karl-Heinz Dellwo und Christof Wackernagel.

Felix Moeller ist Historiker und Dokumentarfilmer, der filmgeschichtliche Dokumentationen produziert hat, darunter über Hildegard Knef, Veit Harlan oder „verbotene Filme“ in der NS-Zeit. Indem er in „Sympathisanten – Unser Deutscher Herbst“ seine Eltern mit einbezieht, wird aus dem Film ein Stück Familiengeschichte und Sozialgeschichte. Außerdem gibt es dokumentarisches Filmmaterial etwa mit Heinrich Böll oder Ausschnitte aus „Deutschland im Herbst“. Damit gelingt der Versuch, sich weitgehend authentisch, aber doch persönlich an diese aufwühlende Zeit vor etwa 40 Jahren zu erinnern, die in den gewalttätigen Deutschen Herbst 1977 mündete. Viel wurde berichtet über diese Zeit, aber meist nur über die Hauptgegenspieler Terroristen und Staatsmacht. Die „Sympathisanten“ wurden bislang weniger berücksichtigt. In der hitzigen Zeit zählten damals viele Schriftsteller, Künstler und Filmemacher dazu.

Felix Moeller kombiniert zeitgenössische Dokumente mit intensiven Gesprächen mit Zeitzeugen. Dabei geht es um die Frage, wie es zu einer derart polarisierenden und aggressiven Stimmung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre kommen konnte, wie eine kleine radikale Gruppe wie die RAF so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, und weshalb die „Sympathisanten“ zwischen die Fronten von RAF und Staat gerieten. Mit zahlreichen Filmausschnitten und Archivmaterial sowie Margarethe von Trottas Tagebüchern, die sich als roter Faden durch den Film ziehen, entfaltet sich eine emotional bewegende Geschichte zwischen Privatheit und Politik vor einem größeren zeitgeschichtlichen Hintergrund. Dieser außergewöhnliche Dokumentarfilm will zeigen, dass es den „Sympathisanten“ der Terroristen um einen Kampf für eine gerechtere Gesellschaft ging, aber ohne Gewalt. Zur Motivation für den Film erklärt Felix Moeller: „Lange Zeit habe ich gar nicht gewusst, dass meine Mutter Margarethe von Trotta seit Jahrzehnten ein Tagebuch führt. Dann aber habe ich schnell erkannt, dass es sich um ein Dokument von fast zeitgeschichtlichem Wert handelt. Meine Mutter und mein Stiefvater Volker Schlöndorff haben Filme über diese Zeit gedreht, wichtige politische Filme, die man auch heute noch kennt. Sie waren ziemlich nah dran am Geschehen und den Akteuren“. Wie nah kann endgültig aber nicht beantwortet werden. So will Margarethe von Trotta nicht gewusst haben, ob in einem bei ihr von Terroristen deponierter Koffer Waffen enthalten waren. Volker Schlöndorff erklärt zu seinen damaligen Beweggründen: „Und auf einmal sollte wieder mit polizeistaatlichen Mitteln etwas gelöst werden, was eigentlich in einer Auseinandersetzung innerhalb der Zivilgesellschaft geschehen sollte“.

Bereits mit einer solchen Meinung geriet man schnell in den Verdacht der geistigen Brandstiftung. Besonders der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll litt sehr unter den Anfeindungen. Dabei hatte er nur „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und einen Artikel im „Spiegel“ geschrieben, und galt daraufhin, besonders in der Springer-Presse, schon als „geistiger Vater der Gewalt“. Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte während dieser generalisierten Hexenjagd die moralische Isolierung der Terroristen und warf den Sympathisanten vor, Mördern moralischen Beistand zu geben. In diesem Punkt lässt sich eine Brücke zur Aktualität schlagen. Denn auch heute werden wieder Debatten geführt, was moralisch vertretbar ist und wer als Freund oder Feind zu gelten hat. Das führt schnell zu Ausgrenzung, Diffamierung und Diskriminierung.

Den jüngeren Zuschauern bietet diese persönliche Sichtweise auf den Deutschen Herbst eine interessante Geschichtslektion, den Älteren werden die aktuellen Diskussionen in einer polarisierten Gesellschaft bekannt vorkommen. Positiv ist, dass hier nicht gewertet wird, sondern jeder sich sein eigenes Urteil bilden kann. (21.11.2018)