Konrad Wolf – Alle Spielfilme 1955-1980 – Rezension von Johannes Kösegi

Erstmals liegt das gesamte Spielfilmschaffen des vielfach preisgekrönten DEFA-Regisseurs Konrad Wolf in einer Gesamtedition auf DVD vor. Studio Hamburg veröffentlicht eine Edition mit seinen 14 Werken aus der Zeit von 1955 bis 1980, die eigens neu digitalisiert und restauriert wurden. Neben der reinen Laufzeit von 1405 Minuten gibt es noch viele Extras mit teils neu produzierten filmischen Dokumentationen und Gesprächen als DVD-Premieren sowie ein illustriertes Booklet.

In vielen seiner Filme spiegelt sich der etwas ungewöhnliche Lebenslauf von Konrad Wolf wider, der sowohl die braune als auch die rote Diktatur in Deutschland erlebt hat. Er wurde 1925 in Hechingen am Fuß der Burg Hohenzollern als Sohn eines jüdischen Arztes und Schriftstellers geboren. Bereits in der Kindheit war er in Stuttgart Mitglied der kommunistischen Jung-Pioniere. Mit seiner Familie, darunter sein Bruder Markus, dem späteren berüchtigten DDR-Geheimdienstchef, emigrierte Konrad Wolf über Frankreich und die Schweiz in die Sowjetunion. Dort ging er zur Schule und bekam erste Eindrücke vom sowjetischen Kino. So spielte er eine Rolle im Exilfilm „Kämpfer“ von Gustav von Wangenheim. Mit 17 Jahren war er als sowjetischer Staatsbürger und Soldat der Roten Armee bei der Eroberung Berlins dabei und wurde vorübergehend Stadtkommandant von Bernau. Ab 1949 folgte ein Regiestudium am Staatlichen Filminstitut in Moskau, ab 1952 war er Staatsbürger der DDR. Neben seiner Regiearbeit machte er dort auch eine kulturpolitische Karriere. Er wurde Präsident der Akademie der Künste, war Gründungs- und Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR und wurde kurz vor seinem Tod noch Mitglied im Zentralkomitee der SED. Konrad Wolf starb am 7. März 1982 während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über Ernst Busch. Dieser außergewöhnliche Lebenslauf, seine künstlerische Kreativität und seine trotz mancher ausgetragenen Konflikte linientreue Loyalität zur SED machten ihn zum angesehensten Regisseur der DDR.

Viele seiner Filme thematisieren deutsche Geschichte und DDR-Gegenwart zu bestimmten Zeiten. Die 1930er Jahre werden in „Lissy“ repräsentiert, als eine Zigarettenverkäuferin durch Heirat in den Mittelstand aufsteigt, außerdem in „Professor Mamlock“, die 1940er Jahre in „Sterne“, „Mama, ich lebe“ und dem autobiografischen „Ich war neunzehn“ über einen Rotarmisten, der in seine deutsche Heimat zurückkehrt, die 1950er Jahre in „Sonnensucher“, die 1960er Jahre in „Der geteilte Himmel“ und die 1970er Jahre in „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ und „Solo Sunny“ über eine Schlagersängerin, die sich gegen Anpassung und Fremdbestimmung wehrt. Alle diese Filme zeichnen ein detailliertes Bild ihrer Zeit in besonderen Konfliktsituationen. Als Reflektion auf Nationalsozialismus und roten Sozialismus kreisen die Themen immer wieder um die Fragen des schuldhaften Verhaltens vieler Deutscher während des Hitler-Faschismus und dem ideologischen Gemeinwohl eines sozialistischen Staates. Letztgültige Antworten darauf möchten die Filme nicht geben, sondern nur zum Nachdenken anregen und dabei unterschwellige Hinweise geben, die der persönlichen Erfahrung des Regisseurs entstammen und keineswegs immer auf der offiziellen Parteilinie liegen.

So gerät „Sonnensucher“ auf die Verbotsliste der SED-Kulturbürokratie, sodass der 1958 entstandene Film erst 1972 uraufgeführt werden darf. Bereits das Drehbuch weckt Einwände durch die DDR-Regierung und sowjetische Kulturbehörden. Der Film spielt im Uranbergbau, wo angeblich „Atome für den Frieden“ hergestellt werden. Noch heute beeindruckt an dieser Geschichte über Zwangsarbeit in einem sowjetisch kontrollierten DDR-Uranbergwerk der sozialistische Alltagsrealismus in einer verbotenen Zone der DDR-Industrielandschaft und die Charaktervielfalt der Protagonisten. Neben den historisch motivierten Werken sind auch bedeutende Literaturverfilmungen in Konrad Wolfs Werk zu finden. Die Vorlage zu „Professor Mamlock“ schrieb sein Vater Friedrich, ein glühender Verehrer des Kommunismus, 1933 im Exil. Es geht um die Judenverfolgung während des Nationalsozialismus, dargestellt am Beispiel eines jüdischen Chirurgie-Professors, der noch immer an Vernunft und Humanismus glaubt und die drohende Gefahr lange Zeit unterschätzt. Erst als er selbst seine Arbeit verliert und von SA-Männern aus der Klinik geführt wird, bricht sein Glaube an Recht und Ordnung zusammen. „Der geteilte Himmel“ (1964) nach der Vorlage von Christa Wolf, nicht verwandt oder verschwägert mit Konrad Wolf, zeigt eine deutsche Liebesgeschichte vor dem Mauerbau. Stilistisch werden Verfahren der Nouvelle Vague mit kunstvoll gestaffelten Rückblenden eingesetzt. „Der kleine Prinz“ (1972) nach dem berühmten Kinderroman von Antoine de Saint-Exupéry ist eine Koproduktion von DEFA und DDR-Fernsehen und zeigt die Schattenseiten menschlichen Lebens aus der Sicht eines unschuldigen Kindes, das sich gegen Eitelkeit, Geldgier und Krieg wehrt. Das Historienepos „Goya“ (1971) nach Lion Feuchtwanger wurde auf 70-mm-Film gedreht und zählt zu den farbenprächtigsten und aufwendigsten DEFA-Produktionen. Der Film erhielt den Spezialpreis der Jury bei den Moskauer Filmfestspielen. Dass Konrad Wolf auch im Westen ein angesehener Regisseur war, zeigt der „Silberne Bär“ bei der Berlinale 1980 für die Hauptdarstellerin Renate Krößner in „Solo Sunny“, Konrad Wolfs letztem Film. Die Berliner Sängerin Sunny tourt mit ihrer Band durch die Lande und sehnt sich nach Anerkennung und Liebe. In einer Mischung aus Komödie, Melodram und Roadmovie drückt der Film die Gefühle und Sehnsüchte einer jungen Generation in Ostdeutschland aus, die noch zehn Jahre auf die große Befreiung warten muss.

Auch fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind diese 14 Filme nicht nur aus Historikersicht interessant und hochaktuell. Sie zeigen das Schaffen eines weitgereisten und erfahrenen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, der in seiner Zerrissenheit zwischen den Systemen ein anspruchsvolles Lebenswerk hinterlassen hat, das Antifaschismus, Sozialismus und Humanismus vereint. (Johannes Kösegi – 20.11.2018)