Jazz – Harmonik, Melodik, Improvisation, Analyse – Rezension von Johannes Kösegi

Neues lehrreiches Buch bei Reclam

Selbst für bestens praktisch und theoretisch ausgebildete klassische Musiker ist der Jazz oft ein Buch mit sieben Siegeln. Zu ungewöhnlich und komplex erscheinen Harmonik, Rhythmik und andere Eigenheiten dieser scheinbar aus dem Augenblick heraus entstandenen Kunstform. In Perfektion dargeboten etwa von Louis Armstrong, Oscar Petersen oder Ella Fitzgerald klingt alles so einfach und natürlich. Doch hinter dieser „hochlebendigen Musik von enormer Ereignisdichte“ stecken komplizierte Harmonien und Rhythmen, die man nur verstehen kann, wenn man sich näher damit befasst. Eine Hilfe dazu liefert das neues bei Reclam erschienene Buch „Jazz“ von Herbert Hellhund. Er ist Jazz-Trompeter und Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Anders als bisherige Bücher, die sich ausschließlich mit der Harmonik des Jazz oder seinen melodischen oder rhythmischen Mustern beschäftigen, versucht Hellhund hier einen neuen, umfassenderen Ansatz, indem er die Improvisation als zentrales Wesenselement des Jazz und Prozess musikalischer Ideenentwicklung in den Mittelpunkt stellt. Das Lehrbuch und Nachschlagewerk zugleich führt ein in Harmonik, Rhythmik, Form, Ausdruck und in die all das bündelnde Melodieprinzipien der Improvisation. Beispielhafte Analysen von Meistersoli veranschaulichen die herausgearbeiteten Entwicklungsprinzipien und bieten somit einen Einstieg in das ganzheitliche Erfassen der Improvisation.

Durch die Zusammenschau der drei wesentlichen Teilbereiche, Struktur- und Ausdrucksebenen des Jazz – Harmonik, Melodik, Improvisation – wird hier ein exemplarischer Einstieg in das Analysieren von Jazz, insbesondere der Improvisation gegeben. Harmonik und Melodik gehören zu den sogenannten Parametern, den Strukturebenen der Musik, ebenso wie auch Rhythmik oder Form. Die Improvisation als das Hauptelement jazzmusikalischer Praxis basiert auf diesen Strukturebenen und setzt sie in vielfältigster Weise um. Improvisation ist das hervorragende Praxismerkmal des Jazz, wenngleich es auch jazzspezifische Komposition, als schriftliche Konzeption für spätere Aufführungen, in künstlerisch hoher Qualität gibt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das berühmte Köln Konzert von Keith Jarrett.

Die Improvisation mit der Verschmelzung von Idee und deren klanglicher Realisation als Spontankomposition als führendes Stilelement definiert die Jazzpraxis als grundlegende Besonderheit gegenüber jedem anderen abendländischen Musikgenre. Auch die Aufführung von komponiertem Jazz oder den ausgeschriebenen Teilen eines Jazztitels geschieht fast immer unter Einbeziehung der Improvisation, vor allem in der „Begleitung“, also den Parts von Klavier, Bass, Schlagzeug und anderen Instrumenten des „Rhythmusgruppe“ genannten Ensembleteils. Je kleiner das Ensemble, desto spärlicher ist in der Regel die schriftlich fixierte Grundlage des Geschehens. Interaktion, meist mit gemeinsamer Orientierung an einer metrisch und akkordisch vordefinierten Basisstruktur, ersetzt zumeist die explizite Notation. Voraussetzung hierfür ist das blinde Verstehen der Ausführenden mit der Beherrschung einer gemeinsamen musikalischen Sprache und ein enormes theoretisches und handwerkliches Know-how. Wenngleich im Jazz oft die solistische Improvisation im Vordergrund steht, darf das Ensemblespiel nicht vernachlässigt werden. Wie die solistische Improvisation im Jazz ist auch die begleitende Improvisation der Rhythmusgruppe einer stetigen Veränderung unterworfen, in ihrer Gesamtheit wie in den Rollen ihrer einzelnen Instrumente, meist Klavier, Bass und Schlagzeug. Deshalb empfiehlt Hellhund, beim Hören von Jazz auch auf die Details und Besonderheiten des Ensemblespiels insgesamt zu achten statt nur auf die solistischen Einlagen. Mit dem Ziel, Konzepte der Soloimprovisation vor allem des Modern-Jazz-Spektrums herauszuarbeiten, folgt dieser Band einer doppelten Systematik vom Generellen zum Individuellen und vom Elementaren zum Komplexen.

Zunächst werden die Grunddimensionen des Jazz wie der Musik überhaupt, die sogenannten Parameter, kurz dargestellt. Die weiteren Kapitel befassen sich mit harmonischen Gegebenheiten, beginnend bei den Elementarstrukturen bis hin zu deren spezifischer Verwendung in einzelnen Stilfacetten vom Bebop bis heute. Es folgen exemplarisch einige Analysebeispiele von Akkordstrukturen des Modern-Jazz-Repertoires (Jerome Kern, Victor Young, Charles Mingus, Charlie Parker, John Coltrane) und ein Blick auf Konzeptfragen der Jazzimprovisation, auch zur Klärung von Grundbegriffen. Danach werden Strukturmittel des „Vokabulars“ sowie der musikalischen „Grammatik“ und Dramaturgie vorgestellt. Als Anwendung davon werden einige Meistersoli von Louis Armstrong, Charlie Parker, Lennie Tristano und Herbie Hancock mit einem ganzheitlichen, parameterbezogenen Ansatz analysiert. Der Ausblick im letzten Kapitel bringt neben allgemeinen Überlegungen noch einige der Aspekte, die im Buch aus Platzgründen nicht detailliert behandelt werden konnten.

Zur Vermittlung der Fähigkeit, Jazz zu spielen, gab es lange Zeit nicht viel mehr als die Spirale von Hören und Nachvollziehen, und zwar möglichst genau und immer wieder wie beim Erlernen der Muttersprache. Deshalb gibt es im Jazz bis heute immer wieder Nachahmungen. Wie der Autor anmerkt, verleiten viele Lehrbücher mit dem Schwerpunkt auf Harmonik dazu, die Mühe des hörenden Nachvollzugs zu vernachlässigen. Diesem Manko möchte er mit diesem nützlichen Ratgeber und Lehrbuch entgegenwirken. Aber dennoch gilt nach wie vor, dass man Jazz nicht nur lesen kann, sondern vor allem hören sollte. Daraus folgt das Motto dieses Buches: „Je mehr man von ihm weiß, umso mehr hört man“. Hinweise auf weiterführende und vertiefende Literatur zu Stilgeschichte und musikalischer Analyse runden das Buch ab.

Herbert Hellhund: Jazz – Harmonik, Melodik, Improvisation, Analyse; Reclam Ditzingen; 202 Seiten, 116 Notenbeispiele; ISBN 978-3-15-011165-9; 18,95 Euro