Die große Heinz Rühmann Box – Rezension von Johannes Kösegi

Vier berühmte Spielfilme aus drei Jahrzehnten

Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung setzt sich seit mehr als 5 Jahrzehnten für den Erhalt des deutschen Filmerbes ein. Seit einigen Jahren will sie ihre einzigartigen archivarischen Bestände der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. In Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Tochter Universum Film werden in den in den nächsten zwei Jahren sukzessive über 20 bedeutende deutsche Filmklassiker teilweise erstmals, teilweise digital restauriert neu auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Nach der kürzlich erschienen „Fritz Lang Box“ mit sechs stilbildenden Stummfilmen des großen deutschen Regisseurs aus der Periode von 1921 bis 1929 folgt nun „Die große Heinz Rühmann Box“ mit vier Filmen aus der Zeit von 1930 bis 1960 mit einer Gesamtlaufzeit von 392 Minuten. Sie zeigt verschiedene Facetten des beliebtesten deutschen Schauspielers des zwanzigsten Jahrhunderts in vier namenhaften Klassikern: „Die drei von der Tankstelle“ (1930), „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ (1937), Quax, der Bruchpilot“ (1941) und „Der Jugendrichter“ (1959/60). Mit seiner Rolle als Hans in „Die drei von der Tankstelle“ erlebte Heinz Rühmann seinen großen Durchbruch und gehörte fortan zur Elite der deutschen Filmschauspieler. Die Box beinhaltet außerdem umfassende Booklets zu den Filmen. Neben dem Hauptdarsteller gibt es ein Wiedersehen mit weiteren großen UFA- und Nachkriegsstars, darunter Lilian Harvey, Willy Fritsch, Olga Tschechowa, Hans Albers, Siegfried Schürenberg, Hilde Sessak, Karin Baal oder Michael Verhoeven.

Heinz Rühmann (1902-1994) ist auch lange nach seinem Tod noch immer der beliebteste und einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Seine zeitlosen Filmklassiker werden oft im Fernsehen wiederholt und finden ein begeistertes Publikum bei allen Generationen. In einem langen und erfüllten Leben, das nahezu das gesamte 20. Jahrhundert überdauerte, erfuhr er Höhen und Tiefen, wobei schließlich die positiven Seiten überwogen. Bei den vielen guten und erfolgreichen Rühmann-Filmen und den bereits bei Kinowelt/StudioCanal erschienen DVD-Boxen, darunter „Die Feuerzangenbowle“, „Der Pauker“ oder „Wir werden das Kind schon schaukeln“, war die Auswahl für die Experten der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung nicht einfach. Denn Heinz Rühmann hat in der langen Zeitspanne von 1926 bis 1993 eine Unmenge produziert, besonders in den 1930er-Jahren zum Teil vier Filme in einem Jahr. Bei dieser Massenproduktion, deren Schöpfungen oft zur Ablenkung der Bevölkerung in schwierigen Zeiten dienten, kann nicht alles von höchster Qualität sein. Die für die Edition ausgewählten Filme jedoch gehören zum Besten von Rühmann aus seiner UFA-Zeit und der Nachkriegszeit. Mit der getroffenen Auswahl werden in einer durch die neue Restaurierung bisher unerreichten Bild- und Tonqualität wichtige Lücken im Filmrepertoire für anspruchsvolle Sammler geschlossen.

In „Die drei von der Tankstelle“ stellen die Freunde Willy, Kurt und Hans nach einer dreimonatigen Reise fest, dass sie pleite sind. Lediglich das Auto hat ihnen der Gerichtsvollzieher gelassen. Vom Erlös des Wagens entsteht ihre neue Existenz, die Tankstelle „Zum Kuckuck“. Eine ihrer besten Kundinnen ist die reiche Lilian Coßmann. Alle drei Freunde sind von ihr begeistert, halten die Bekanntschaft mit ihr aber vor den jeweils anderen geheim. Um Klarheit zu schaffen, fädelt Edith von Turoff, die Freundin von Lilians Vater, ein Treffen aller Beteiligten ein. Willy bricht daraufhin wutentbrannt mit seinen Freunden und Lilian. Doch sie weiß ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen. Diese „Tonfilm-Operette“ enthält zahlreiche eingängige Lieder und Ohrwürmer („Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“) des jüdischen Komponisten Werner Richard Heymann, der 1933 Deutschland verlassen musste. 1937 wurde der Film verboten. Der legendäre Filmerfolg dieses Filmes mit später vielfach variiertem Handlungsschema machte Willy Fritsch und Lilian Harvey über viele Jahre zum beliebtesten Liebespaar des deutschen Films.

In „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ agieren die beiden erfolglosen Detektive Morris und sein Macky mit großem Vergnügen als Sherlock Holmes und Dr. Watson. Sie treten dabei so überzeugend auf, dass selbst die Polizei um ihre detektivische Hilfe bittet. Im Zug treffen sie auf Mary und Jane Berry, zwei junge Frauen, die die Erbschaft eines vermeintlichen Onkels antreten sollen. Tatsächlich ist der Erbonkel noch sehr lebendig und ein gesuchter Fälscher, welcher der Polizei immer entwischen konnte. Während der Pariser Weltausstellung können Holmes und Watson nun alle Register ihres Könnens ziehen, um die Fälscherbande dingfest zu machen.

In „Quax, der Bruchpilot“ gewinnt der kleine Angestellte Otto Groschenbügel, genannt Quax, bei einem Preisausschreiben eine kostenlose Ausbildung zum Sportflieger und über Nacht steigt er zur Berühmtheit seines Heimatörtchens Dünkelstätt auf. Jetzt hat Quax keine Wahl mehr, er muss den Kurs erfolgreich absolvieren, auch wenn man dem Aufschneider bei der ersten Besichtigung der Fliegerschule geraten hatte, den Gewinn verfallen zu lassen. Anfangs stellt sich Quax nicht besonders geschickt an. Immer wieder entgeht er um Haaresbreite dem Rauswurf aus der Schule. Zum Glück gibt es aber die nette Marianne, die dem Bruchpiloten gerne aus der Patsche hilft.

Heinz Rühmann erfreute sich nach den Erfolgen während der Zeit des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit derselben großen Beliebtheit beim Publikum, was viele exzellente Filme beweisen. Einer davon ist „Der Jugendrichter“, in dem Rühmann als Dr. Ferdinand Bluhme bei seinen Urteilssprüchen nicht auf Härte, sondern auf Verständnis setzt. Zur allseitigen Überraschung verurteilt er die junge Inge Schumann zu acht Monaten Jugendarrest, weil sie ihrem kriminellen Freund Kurt bei einem Erpressungsversuch half. Die ungewöhnlich harte Strafe zielt allerdings nur darauf ab, die junge Frau aus dem Einfluss ihres Freundes zu befreien. Als Inge droht, sich umzubringen, setzt Bluhme die Strafe zur Bewährung aus und wird mit viel Einfühlungsvermögen ihr Mentor – 24.06.2018.