„Jacques Becker Edition“ auf Blu-ray Disc – Rezension von Johannes Kösegi

Vier historisch bedeutende Filme von 1951 bis 1960

Nicht zufällig ist das Filmgenre „Film noir“ französischen Ursprungs. Wenn auch später das Hollywood-Kino viele Klassiker hervorgebracht hat, stammt der typische Gangsterfilm ursprünglich aus Frankreich. Einer der größten Regisseure auf diesem Gebiet ist Jacques Becker (1906-1960), der auch in den USA gewirkt hat. Erstmals erscheint bei StudioCanal eine Blu-ray-Edition mit vier der wichtigsten Filme Beckers mit einer Spieldauer von insgesamt 422 Minuten. Durch ihre inszenatorische Dichte und die großartige Besetzung, darunter Jean Gabin, Jeanne Moreau oder Lino Ventura, begeistern diese zeitlosen Filmklassiker in höchster HD-Qualität bis heute. Als Extras gibt es Interviews und „Hinter den Kulissen“.

Jacques Becker beginnt seine filmische Karriere als Regieassistent des großen Jean Renoir und zählt bis heute zu den bedeutendsten französischen Filmemachern der Nachkriegszeit. Auffallend ist Beckers stilistische Nähe zum italienischen Neorealismus. Der Verzicht auf besondere Effekte in der Ausstattung bringt zwar einige Flops an den Kinokassen. Dennoch inszeniert Becker trotz seiner relativ kurzen Schaffenszeit einige unvergessliche Filmklassiker des französischen Nachkriegskinos. Der frühe Film „Edouard und Caroline“ von 1951 nimmt schon etwas von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ vorweg, indem er das nicht immer harmonische Eheleben eines modernen Ehepaares vorstellt.

Die Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging als „Belle Époque“ in die europäische Geschichte ein. Länger anhaltender Frieden, wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung und eine höhere Lebenserwartung durch verbesserte Hygienemaßnahmen und Fortschritten in der Medizin sorgten besonders in den urbanen oberen Gesellschaftsschichten für Wohlstand und Genuss. Ein Musterbeispiel zur Beschreibung dieser Zeit in Paris um 1900 ist „Goldhelm“ von 1952. Besonders der überwältigende Auftritt der Charakterdarstellerin Simone Signoret machte den Film berühmt. Die in Wiesbaden geborene Schauspielerin und Schriftstellerin spielt Marie, die man wegen ihrer blonden Haare und Frisur „Goldhelm“ nennt. Sie gehört einer Gaunerbande unter dem Chef Leca (Claude Dauphin) an. Eines Tages verliebt sich Marie in den attraktiven, aber einfachen Schreiner Georges Manda (Serge Reggiani) und möchte ihren Beschützer Roland verlassen. Doch ihr Ex-Geliebter Leca, der selbst noch ein Auge auf sie hat und um sie wirbt, provoziert einen Zweikampf zwischen Manda und Roland, bei dem Roland umkommt. Zwar kann Marie mit Manda fliehen, aber Leca zeigt Mandas Freund Raymond (Raymond Bussières) als angeblichen Mörder an. Seine Rechnung geht auf, denn Manda stellt sich, um seinen Freund zu retten. Als er die Wahrheit über Lecas Machenschaften erfährt, flieht er zusammen mit Raymond, der bei der Flucht tödlich verwundet wird. Manda spürt Leca auf, verfolgt ihn bis auf eine Polizeiwache und schließt ihn dort nieder. Daraufhin wird Manda zum Tod verurteilt. Marie beobachtet seine Hinrichtung vom Fenster einer Dachkammer aus.

Beckers Drama schildert einen realen Fall, der sich ähnlich zugetragen hat und beweist, dass es um die Jahrhundertwende nicht immer so friedlich zugegangen ist. „Goldhelm“, Manda und Leca lebten wirklich in dieser Zeit. Doch Becker inszeniert hier mehr als einen historischen Gangsterfilm. In „Goldhelm“ sind die Menschen wichtiger als die Ereignisse, was den Film zeitlos und bis heute sehenswert macht. Die vielen kriminellen Verwicklungen und Taten verschwinden hinter den Gefühlen. Mit diesem Meisterwerk schafft Becker einen heiter-sentimentalen Film von ungewöhnlicher Schönheit, strengem Stilwillen und klarer Dramaturgie. Als Extras gibt es die Dokumentation „Im Herzen der Gefühle“ mit Hintergrundinformationen zur Entstehung des Films und seiner Rezeption.

„Wenn es Nacht wird in Paris“ von 1954 erzählt von den beiden Ganoven Max und Riton, denen es gelingt, 50 Millionen Francs in Goldbarren zu stehlen. Nach dem gelungenen Coup wollen sie fortan als gewöhnliche Bürger leben, doch Riton begeht einen Fehler und prahlt mit seiner Tat vor der Nachtclubsängerin Josy. Die Information gelangt an eine Verbrecherbande, die den beiden auflauert und die Beute durch eine Entführung erpresst. Bei der Übergabe läuft schließlich einiges schief. Es kommt zu einer Schießerei, bei der fast alle umkommen, sodass das Gold in einem brennenden Auto zurückbleibt. Jacques Becker gelingt mit diesem Gangsterfilm eine detailreiche Milieustudie, die zugleich die Geschichte einer großen Freundschaft ist. Lino Ventura („Fahrstuhl zum Schafott“, „Armee im Schatten“) ist hier in seiner ersten großen Rolle auf der Leinwand zu sehen. Es ist wirklich ein dunkler Film, der fast nur nächtliche Szenen aufbietet. Auffallend ist auch, dass die Polizei hier überhaupt keine Rolle spielt, im Zentrum steht das Milieu der Pariser Unterwelt. Becker schafft es geschickt, bewusst gegen die Regeln des Actionkinos zu verstoßen, was auch angenehm ist. So wird der Überfall auf den Geldtransporter gar nicht gezeigt, man erfährt davon nur aus einer Zeitungsmeldung.

1960 inszeniert Jacques Becker seinen letzten Film „Das Loch“, einen klaustrophobischen Thriller um einen Gefängnisausbruch. Manu Borelli hat eben erst einen gescheiterten Gefängnisausbruch hinter sich, da beginnt er, frisch ins Pariser La Santé Gefängnis eingeliefert, schon mit der Planung seines nächsten Fluchtversuchs. Seine Mitgefangenen scheinen dafür brauchbare Komplizen zu sein. Roland Darbant hat sein Glück selbst schon mehrfach mit Ausbrüchen versucht, Maurice Willman und Roland Vosselin haben ihre langjährige Gefängniskarriere offensichtlich satt und Georges Cassid trug bei seiner letzten Flucht sogar eine Schussverletzung davon. Gemeinsam wollen sie einen Gang aus der Zelle in die Freiheit graben. Als mit Claude Gaspard ein Gefängnisneuling in ihre Zelle verlegt wird, weihen sie wider besseres Wissen auch ihn in ihren Plan ein. Anfangs macht er begeistert mit. Doch dann erfährt er bei einem Gespräch mit dem Gefängnisdirektor, dass seine Frau ihre Anschuldigungen wegen eines angeblichen Mordversuchs gegen ihn zurückgezogen hat und er bald freikommen wird. Gaspard verrät seine Kameraden, die auf frischer Tat ertappt werden. Becker verzichtet auf moralische Aspekte und klagt auch nicht die Justiz oder den Strafvollzug an. Er zeigt dafür, wie sich in Ausnahmesituationen Gemeinschaften je nach persönlichen Interessen bilden und wieder auflösen können. Außerdem wird akribisch der Einfallsreichtum demonstriert, den der Mensch in einer scheinbar ausweglosen Situation entwickeln kann. Trotz der beschränkten Möglichkeiten, auch was den Schauplatz betrifft, gelingt dem Regisseur ein Spiel von großer Vielfalt. Dabei können scheinbar nebensächliche Details wie ein Hammerschlag oder ein falsch angesetzter Meißel sehr bedeutend werden. Der Film, dessen Uraufführung der Regisseur nicht mehr erlebt, entsteht mit Laien und erreicht durch die detailgenau und präzise Regie Virtuosität und Authentizität. Dennoch war der nach einer wahren Geschichte gedrehter Film seinerzeit an den Kinokassen ein Flop und ging nach einer Nominierung für die Goldene Palme in Cannes 1960 leer aus, gilt aber heute zu Recht als Meisterwerk. – 08.07.2018