Ingmar Bergman – 100 Jahre – Rezension von Johannes Kösegi

Neue Edition mit 10 seiner besten Filme und zwei Blu-ray-Premieren

Anlässlich des 100. Geburtstags des genialen schwedischen Filmemachers, Theaterregisseurs und Schriftstellers Ingmar Bergman (1918-2007) veröffentlicht StudioCanal eine Blu-ray-Box mit zehn seiner besten Filme aus der Zeit von 1957 bis 2003, darunter die Blu-ray-Premieren „Das Schweigen“ und „Fanny und Alexander“, ein zum Familienbild erweitertes Selbstporträt des Künstlers als eines Heranwachsenden. Sie bereichert sinnvoll die weltweiten Veranstaltungen zu Ehren von Bergmans Lebenswerk mit Theateraufführungen, Ausstellungen, Dokumentationen, Filmretrospektiven, Buchpublikationen und Festivals.

Die Edition mit einer Gesamtlaufzeit von 1100 Minuten enthält viele Extras, neben einer 80-seitigen Broschüre viele Filmdokumentationen, darunter „Ingmar Bergman – Über Leben und Arbeit“, „Fårö Dokument“, „… aber der Film ist meine Geliebte“, „Bergman Insel“, „Bergmans Regie“, „Liv & Ingmar“, Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Wilde Erdbeeren“, „Ein Traumspiel“ – Ingmar Bergmans Film „Wilde Erdbeeren“, ein Interview mit Bibi Andersson und das Making-of von „Sarabande“.

Ingmar Bergman prägte die Filmkunst über mehrere Jahrzehnte und beeinflusst bis heute Regisseure in aller Welt. Seine hohe Wertschätzung bewies 1997 die Verleihung der Goldenen Palme in Cannes als „Bester Regisseur aller Zeiten“. Seine Werke aus der Zeit von 1946 bis 2003 wurden mit fast 60 internationalen Preisen ausgezeichnet. Ein großer Teil seiner künstlerischen Kreativität entstammt dem Konflikt mit dem strengen Vater, einem evangelischen Pastor. Bereits mit 19 Jahren verlässt er das Elternhaus und kommt über das Studium der Literaturwissenschaften zum Theater, wo er als Opern- und Theaterregisseur beginnt. Während er im Winter an Bühnen arbeitet, werden im Sommer Filme gedreht, meist nach eigenen Drehbüchern und mit einem festen Stamm an Schauspielern. Die Krise der schwedischen Filmindustrie Anfang der 1950er Jahre überbrückt Bergman mit der Inszenierung von Werbefilmen. In seinen frühen Filmen beweist er bereits sein Talent für Komödien und historische Filme. Mit wohldurchdachten Bildkompositionen und einer perfekten Lichtgestaltung werden selbst typische Standardsituationen zu einem großen Ereignis. Nachdem Ingmar Bergman fast zehn Jahre lang vor allem in Schweden als Nachfolger der großen Stummfilmregisseure Mauritz Stiller, Viktor Sjöström und Alf Sjöberg verehrt wird, gelingt ihm der internationale Durchbruch 1955 mit dem Lustspiel „Das Lächeln einer Sommernacht“.

Zwei Jahre später inszeniert Bergman mit „Das siebente Siegel“ eine parabelhafte mittelalterliche Legende. Im 14. Jahrhundert kehrt Ritter Antonius Blok (Max von Sydow) mit seinem Knappen (Gunnar Björnstrand) von einem Kreuzzug in das von der Pest verseuchte Schweden zurück. Als der Tod (Bengt Ekerot) ihn holen will, möchte er zuerst die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet haben. Der Tod möchte durch ein Schachspiel mit dem Ritter über dessen Schicksal entscheiden. Dabei gibt es einen Funken Hoffnung für den Ritter durch eine Begegnung mit einem Gaukler, seiner Frau und ihrem Kind. Durch einen Trick gewinnt schließlich der Tod die Partie und zieht den Ritter und sein Gefolge in einem seltsamen Totentanz mit sich. Ingmar Bergman hat sich an seine Kindheit und Jugend erinnert, an die Predigten seines Vaters, die Motive der Kirchenfenster, das erklärt die Bilder mit Teufel, Heiligen und Dämonen. Auch wird an die Offenbarung des Johannes erinnert, in der die Pest zum Sinnbild einer unheimlichen Gefährdung des Menschen wird. Somit wird das Mittelalter in einem der bildgewaltigsten Filme Bergmans in realistischen Bildern mit apokalyptischen Visionen gezeigt. Immer wieder werden die Schreckensbilder von komödiantischen Intermezzi unterbrochen, was den Film in den Rang eines Dramas von Shakespeare erhebt.

„Wilde Erdbeeren“ (1957) wurde mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet. In einer Traumvision erlebt der alte Professor Isaak Borg (Viktor Sjöström) seinen eigenen Tod. Er soll am 50. Tag seiner Promotion von der Universität Lund geehrt werden. Während der Fahrt dorthin mit seiner Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin) zieht er in einem ernüchternden Trip in die Vergangenheit eine Bilanz seines Lebens. Er besucht die Stelle, wo er als Kind wilde Erdbeeren gepflückt hat und ist in Gedanken bei seinen Geschwistern und Freunden der Kindheit. Marianne jedoch hat im Moment Eheprobleme und wirft ihrem Vater Egoismus vor. Am Abend nach der Ehrung macht Isaak Borg einen Versuch, sich seinem Sohn (Gunnar Björnstrand) und seiner Schwiegertochter zu öffnen und die Ehe dieser beiden geliebten Menschen zu retten. Man fühlt sich an Strindbergs „Traumspiel“ erinnert bei dieser exzellenten Darstellung des großen schwedischen Stummfilmregisseurs Viktor Sjöström. Der Film geht der Frage nach der Verantwortung des Menschen und dem Sinn des Lebens nach. Mit einer formalen Stilsicherheit ohnegleichen werden die Traumsequenzen in die Realität eingefügt. Symbolisch steht die kurze Reifezeit der wilden Erdbeeren für das Leben eines Menschen, das hier in der Rückschau betrachtet wird.

„Die Jungfrauenquelle“ (1959) erhielt einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Die Handlung ist ins schwedische Mittelalter des 14. Jahrhunderts verlegt und will zeitlose und aktuelle Themen ansprechen. Das junge Mädchen Karin (Birgitta Pettersson), Tochter einer reichen Gutsbesitzerfamilie, will Kerzen zum Weihen in die Kirche bringen. Es ist ein alter Brauch, den nur eine Jungfrau vollführen kann. Unterwegs wird sie von Wegelagerern brutal überfallen, vergewaltigt und getötet. Nach der Tat ziehen die Mörder weiter. Ohne zu ahnen, dass es sich um das Elternhaus des toten Mädchens handelt, suchen sie ausgerechnet dort Unterkunft für die Nacht. Als einer von ihnen Karins Kleid ihrer Mutter (Birgitta Valberg) anbietet, hat er sein Todesurteil gefällt. Denn jetzt tritt der Vater (Max von Sydow) als Rächer auf, der die Vergewaltiger seiner Tochter und selbst die Zeugen der Untat fürchterlich bestraft, ermordet und erst innehält, als er seine blutbefleckten Hände sieht. Auch hier hat Bergman wieder einmal alptraumhafte Erlebnisse seiner Jugend verarbeitet, geprägt von der furchterregenden Instanz seines Vaters und des von ihm vertretenen Gottes.

Wie viele Bergman-Filme mit autobiografischen Einflüssen spielt das kammerspielartige „Licht im Winter“ (1962) im Milieu eines Pfarrhauses. Seit dem Tod seiner Frau hat Pfarrer Tomas Ericsson (Gunnar Björnstrand) auch den Glauben an Gott und die Fähigkeit zu lieben verloren. Emotionslos und ohne Überzeugung absolviert er seine Gottesdienste in der kleinen Dorfkirche. Als ihn die Frau des selbstmordgefährdeten Fischers Jonas bittet, ihrem Mann neuen Lebensmut zu schenken, hat er aufgrund seiner eigenen Resignation nur leere Phrasen für den Verzweifelten übrig. Auch für die Lehrerin Märta, die ihn mit ihrer Liebe bedrängt, findet er keine Gefühle. Als kurze Zeit später die Leiche des Fischers gefunden wird, steht Tomas vor den Trümmern seines Glaubens. Mit optisch asketischen Bildern zeigt Bergman den Pastor in quälend langen Einstellungen beim Gottesdienst. Die enge Sakristei, in der weite Teile des Films spielen, wirkt wie ein Gefängnis. Am Schluss steht das Schicksal der Ungläubigen wie ein Symbol und Aufschrei.

Der skandalträchtige Film „Das Schweigen“ (1963), bot in den 1960er Jahren Stoff für vehemente Diskussionen und theologische Interpretationen. Ester (Ingrid Thulin), ihre Schwester Anna (Gunnel Lindblom) und deren neunjähriger Sohn Johan (Jörgen Lindström) müssen ihre Heimreise nach Schweden abrupt unterbrechen, als die lungenkranke Ester einen Zusammenbruch erleidet. Die drei übernachten in einer fremden Stadt in einem bizarren, alten Hotel, in dem außer ihnen nur eine Artistengruppe wohnt. Dort fallen sie in einen Strudel der sexuellen Begierde, der Exzesse und des Hasses. Der Film erzählt vom Drama der Befreiung von Abhängigkeiten, von starken Vaterfiguren und vom Selbständigwerden. Sein Titel drückt aus, dass diese Entwicklungen, die den reflektierenden Regisseur lange beschäftigt haben, schwer in Sprache zu fassen sind.

Als einer der persönlichsten und intensivsten Filme Bergmans wurde „Persona“ (1966) mit drei Awards der National Society of Film Critics ausgezeichnet. Neben Gunnar Björnstrand spielen drei großartige Frauen, Bibi Anderson, Luv Ullmann und Margaretha Krook. Nach einer „Elektra“-Aufführung verharrt die berühmte Schauspielerin Elisabeth Vogler schweigend in ihrer Rolle. Die Krankenschwester Alma kümmert sich um die apathische Künstlerin. Auf einer einsamen Insel verbringen beide einige Wochen in einem Ferienhaus zusammen. Die Frauen entwickeln eine sonderbare Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit. Während die eine schweigt, beginnt die andere zu erzählen und offenbart ihr Innerstes.

„Szenen einer Ehe“ erhielt 1975 den Golden Globe als bester ausländischer Film. Marianne (Liv Ullmann) und Johan (Erland Josephson) führen eine scheinbar glückliche Ehe. Doch schon seit langer Zeit werden Konflikte nicht mehr offen ausgetragen, sondern verdrängen und belasten unterschwellig die Beziehung. Als der Streit eines befreundeten Paares in der Scheidung gipfelt und Johan zudem die 23-jährige Studentin Paula kennen lernt, zerbricht auch seine Ehe mit Marianne. Sie bekämpfen sich bis hin zur Selbstaufgabe, am Ende haben beide etwas von der Liebe gelernt. Johan ist auf eine neue Weise zärtlich zu Marianne, die sich jetzt auch einmal in Ruhe und Geduld ihrer Mutter zuwenden kann. Diese Entwicklung wird aber nicht als Lernprozess dargeboten, sondern als eine oft verzweifelte Suche. Das macht den Film so einzigartig, der trotz langer Einstellungen mit vielen Details und endlosen Dialogen bei Kritik und Publikum sehr erfolgreich war.

„Herbstsonate“ (1978) war der letzte Film der schwedischen Oscar-Preisträgerin Ingrid Bergman (Casablanca) und gleichzeitig die einzige Zusammenarbeit mit ihrem Landsmann und Namensvetter Ingmar Bergman, der sie fast an die Grenze ihrer Belastbarkeit trieb. Die gefeierte Pianistin Charlotte (Ingrid Bergman) bemüht sich nach siebenjähriger Trennung um die Versöhnung mit ihrer ältesten Tochter Eva (Liv Ullmann). Nach anfänglicher Freude über das Wiedersehen kommen schnell wieder alte Spannungen auf. Eva wirft ihrer Mutter vor, sich mehr um die Karriere, als um ihre Familie gekümmert zu haben und gibt ihr die Schuld an ihrer Unfähigkeit zu lieben. Das gestörte Verhältnis der beiden Frauen gipfelt in offenem Hass und Aggressionen. Das packende Psychodrama bringt zwei der größten schwedischen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts zusammen und gewann ebenfalls den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film.

Ingmar Bermans letztes Werk „Sarabande“ (2001) ist die Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“. Marianne ist mittlerweile über 60, Johan über 80 Jahre alt. Aus Johan wurde ein wortkarger Einzelgänger, der seinen Sohn hasst, seine unschuldig wirkende und zarte Enkeltochter Karin jedoch liebt. Sie wird von ihrem Vater zu einer Karriere als Cellistin angetrieben, was für sie allmählich zur Qual wird und sie in die Flucht treibt. Dazu trägt auch bei, dass sie von ihrem Vater, der später einen Selbstmordversuch begeht, misshandelt wurde. Bergman porträtiert die Frauenfiguren hier weich und verletzlich, die Männer dagegen als altersstarr und nicht weise. So beendet er sein großartiges Werk mit einer düsteren Reflexion über mehrere ziemlich verlorene Existenzen und zwei Familien im unausweichlichen Zerfall.