„Henri-Georges Clouzot Edition“ bei StudioCanal – Rezension von Johannes Kösegi

Drei Filme des Meisters des Film noir und eine Dokumentation

Der oft als „französischer Hitchcock“ bezeichnete Henri-Georges Clouzot (1907-1977) wurde Ende der 1940er Jahre ein gefeierter Regisseur des französischen Nachkriegskinos. Er beeinflusste die kalifornische Traumfabrik derart, dass von seinen Filmen viele Hollywood-Remakes entstanden. Erstklassig besetzte Meilensteine des französischen Film noir erscheinen bei StudioCanal in einer Jacques Becker Edition mit 4 DVDs und einer Gesamtlaufzeit von 385 Minuten. Neben den drei Originalwerken „Der Rabe“ (1943), „Unter falschem Verdacht“ (1947) und „Seine Gefangene“ (1968) ist eine Dokumentation über das unvollendete Meisterwerk „Die Hölle“ enthalten.

2009 nahmen sich Serge Bromberg und Ruxandra Medrea des Archivmaterials an und verarbeiteten es gemeinsam mit neuen Interviews und nachgestellten Szenen zu der Dokumentation „Die Hölle von Henri-Georges Clouzot“. Unter den Darstellern glänzen Romy Schneider, Michel Piccoli und Serge Reggiani. Viele Extras machen die Sammlung noch wertvoller, darunter die Beiträge „Die Blütezeit des Kriminalfilms“ über „Unter falschem Verdacht“, „Das verfluchte Meisterwerk“ über „Der Rabe“, „Elisabeth Wiener – Die Rebellin“ über „Seine Gefangene“, das etwa einstündige Making-of „Sie haben die Hölle gesehen“, ein Interview mit Serge Bromberg, eine Fotogalerie und Trailer.

Bereits im Debütfilm „Der Mörder wohnt in Nummer 21“ zeigte Becker sein hervorragendes Geschick in der Erzeugung von Spannungsmomenten. Sein zweiter Film „Der Rabe“ war seinerzeit ein kontrovers diskutiertes, von der deutschen Besatzung als antifranzösische Propaganda missbrauchtes und schließlich vom Militär lange Jahre unter Verschluss gehaltenes Werk, das nach Kriegsende ein Berufsverbot für Clouzot zur Folge hatte. Prominente Unterstützer wie Jacques Becker konnten jedoch bewirken, dass er ab 1947 wieder Filme in seinem Heimatland drehen konnte. Heute gilt „Der Rabe“ als einer der ersten Film noirs und historisches Dokument der Besatzungszeit in Frankreich. Geschildert wird ein wahrer Fall von 1920. In einer französischen Kleinstadt tauchen mit „Le corbeau“ unterzeichnete Briefe auf. Besonders der Arzt Dr. Germain (Pierre Fresnay) wird Opfer der anonymen Verleumdungen. Als einer seiner Patienten Selbstmord begeht, nehmen die Verdächtigungen ihren Lauf. Diese Geschichte mit einem überraschenden Ende ist ein raffiniertes psychologisches Verwirrspiel, bei dem immer neue Verdachtsmomente und Verdächtige erscheinen. Clouzot hat die Atmosphäre unheimlicher Bedrohung effektvoll inszeniert. Nicht die Unterscheidung von Gut und Böse zählt hier, sondern das allgemeine Misstrauen der Menschen untereinander.

„Seine Gefangene“ mit Laurent Terzieff („Die Milchstraße“), Bernard Fresson („Belle de Jour“) und Elisabeth Wiener ist ein spannendes Liebesdrama, bei dem die Protagonistin geradewegs ins Elend stürzt. Der Film ähnelt seinem unvollendeten Vorgänger „Die Hölle“ (1964) vor allem in einigen visuellen Effekten. Josée ist mit dem Avantgarde-Künstler Gilbert verheiratet. Eines Tages trifft sie auf den Teufel in Person, Stanislas, einen einflussreichen Galeristen, für den auch ihr Mann arbeitet. Er zeigt ihr Nacktfotos, die sie auf das Tiefste verstören. Dennoch möchte auch sie als Aktmodell für ihn posieren. Entgegen ihrer Abmachung mit Gilbert, sich von anderweitigen Affären zu erzählen, verheimlicht sie die entstehende Beziehung zu Stan. Als Gilbert wegen einer Ausstellung ins Ausland reist, fährt sie mit Stan in die Bretagne. Zunächst verleben sie eine unbeschwerte Zeit, doch dann kommt es zum Eklat. Als Gilbert kurz darauf von der Affäre erfährt, droht er Stan umzubringen.

Seine spannungsgeladenen Filme verschaffen Clouzot schnell internationale Anerkennung und kommerziellen Erfolg. Mit Vorliebe analysiert und präsentiert er in düsterer Atmosphäre das Abgründige im Menschen und setzte es brillant in Szene. Sein ehrgeiziges Meistwerk „Die Hölle“ (Originaltitel „L’Enfer“) mit Romy Schneider und Serge Reggiani kann der Perfektionist Clouzot wegen eines 1964 erlittenen Herzinfarktes nicht mehr vollenden. Nach drei Wochen Drehzeit wird die Produktion abgebrochen. Die 15 Stunden Filmmaterial verschwinden in einem französischen Filmarchiv und werden zu einem Mythos des französischen Kinos, bis Serge Bromberg 2005 die Filmbüchsen erstmals öffnen darf eine spannende Dokumentation über dieses unvollendete Projekt schafft. 08.07.2018