„Eraserhead“ erstmals auf Blu-ray Disc – Rezension von Johannes Kösegi

Davids Lynchs Filmdebüt von 1977

David Lynchs Debütfilm „Eraserhead“ von 1977 zählt mit seinen surrealen Bildern bis heute zu den eindrucksvollsten Filmen überhaupt. Er bedeutet Lynchs Eintrittskarte ins internationale Filmgeschäft und ist einer der Lieblingsfilme nicht nur von Star-Regisseur Stanley Kubrick, dessen Film „Shining“ davon beeinflusst wird. Bis heute ist „Eraserhead“ immer wieder auf internationalen Filmfestivals zu sehen, nach wie vor steht er auf Platz zwei der Liste der 100 Best First Feature Films of All Time der Online Film Critics Society (OFCS), direkt hinter „Citizen Kane“ von Orson Welles. Multitalent David Lynch, Jahrgang 1946, ist nicht nur Produzent und Regisseur, sondern steuert außerdem das Drehbuch und die Soundeffekte bei. „Eraserhead“ mit der außergewöhnlichen Schwarzweißfotografie von Frederick Elmes und Herbert Cardwell sowie Alan Splets bewegendem Sounddesign erscheint nach neuer 4K-Abtastung bei StudioCanal erstmals auf Blu-ray Disc.

Neben Hauptdarsteller Jack Nance („Blue Velvet“, „Wild at Heart“) als Henry Spencer wirken mit Charlotte Stewart („Twin Peaks – The Missing Pieces“), Allen Joseph („Der Marathon-Mann“, „Wie ein wilder Stier“) und Jeanne Bates („Mulholland Drive“). Zu den 89 Minuten des Hauptfilms kommt noch reichhaltiges Bonusmaterial, darunter die 85-minütige Dokumentation „Eraserhead Stories“ (2001) sowie sechs Kurzfilme mit Einführungen von David Lynch.

Der erwachsene Protagonist von „Eraserhead“ durchlebt eine traumatische Familiensituation, besonders eindrucksvoll übermittelt durch die suggestive Wirkung der surrealen Bilder und eine maschinenartige industrielle Tonspur, die zum festen Bestandteil von Lynchs Filmen wurde und bis „Blue Velvet“ von Alan Splet gestaltet wurde. Nach anfänglichen Misserfolgen avancierte der mit spärlichen finanziellen Mitteln produzierte Film schnell zum Geheimtipp und Kultfilm. Erzählt wird eine eigentlich simple Geschichte einer ungewollten Schwangerschaft und erzwungenen Beziehung. Der Zuschauer wird dabei jedoch mit vielen befremdlichen Sequenzen konfrontiert. Beim Antrittsbesuch bei seinen Schwiegereltern in spe tranchiert Spencer ein Brathähnchen, wobei sich die Hähnchenschenkel rhythmisch bewegen. Große Geschwüre wuchern auf den Wangen, ein Kopf wird enthauptet und anschließend zu einem Radiergummi verarbeitet. Davon stammt auch der Titel des Films, denn „Eraserhead“ bedeutet „Radiergummikopf“ auf einem Bleistift. Viele dieser teils autobiografischen Szenen lassen sich psychoanalytisch deuten, besonders die eindringlichste, wenn Henry die Bandagen des jammernden Monsterbabys aufschneidet und darauf dessen Innereien aufquellen. Dazu zählen Begriffe wie Bindungsangst, Körperekel, Ödipuskomplex, schwache Vaterfigur und das Fehlen einer patriarchalen Autorität. Diese alptraumhafte Logik mit einem traumatischen Verhältnis zu Frau, Geschlecht und Körper bestimmt viele der frühen Filme Lynchs bis „Lost Highway“ (1997).

Bis heute ist „Eraserhead“, ein Film ohne eigenes Genre, sehenswert durch die erfahrbare obsessive Realitätserfahrung, jenseits des vertrauten Realitätsprinzips, wie man es vom klassischen Erzählkino gewohnt ist. – 22.07.2018