Die Geschichte der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft – Rezension von Johannes Kösegi

Drei Stunden Dokumentation zum größten Sportereignis der Welt

Als globalste aller Sportarten ist der Fußball immer noch für viele mehr als die wichtigste Nebensache der Welt. Dieser Sport ist ein Politikum und hat schon Kriege und Hass zwischen Nationen ausgelöst. Alle vier Jahre veranstaltet die FIFA seit 1930 eine Weltmeisterschaft. Während dieser Zeit und schon Monate zuvor beschäftigen sich sogar Menschen damit, die sonst nicht das geringste Interesse am Berufsalltag der professionellen Balltreter und den Begleitumständen dieses Geschäfts haben. Die FIFA wurde durch die Vermarktung ihrer Turniere zu einem Milliardenkonzern und blieb nicht von Korruption und anderen negativen Schlagzeilen etwa bei der Vergabe der Turniere verschont. Darüber schweigt die offizielle filmische Chronik der FIFA Fußball-Weltmeisterschaften, die jetzt bei Studio Hamburg erstmals auf Blu-ray Disc erscheint. Hier steht der Sport mit seinen Emotionen und seinen besten Vertretern und schönsten Toren im Mittelpunkt. Aufgeteilt in drei Beiträge von jeweils einer Stunde werden thematisch einzelne Schwerpunkte gesetzt.

Die chronologische Entwicklung der Weltmeisterschaften von ersten WM 1930 in Uruguay bis 2014 in Brasilien spielt dabei keine Rolle. Wichtig sind Fakten wie Rekorde, vom ältesten bis zum jüngsten Teilnehmer, Torjubel, die schönsten Tore, ob Freistöße oder Volleyschüsse, Varianten beim Torjubel oder Mannschaften, die oft dabei waren und gute Fußballer hatten, aber nie den Titel holen konnten, darunter Jugoslawien, CSSR, Schweden, Polen oder Portugal. Neben den offiziellen großen Turnieren werden auch andere von der FIFA organisierte Weltereignisse vorgestellt, darunter Weltmeisterschaften für Frauen, Junioren, Beach Soccer, Futsal oder der Konföderationen-Pokal, der ein Jahr vor der offiziellen WM in deren Gastgeberland stattfindet. Die FIFA veranstaltet auch einen Interaction World Cup für virtuelle Fußballspieler.

Die Veröffentlichung dieser offiziell von der FIFA abgesegneten filmischen Chronik von 2016 erfolgt zeitlich ideal kurz vor dem Turnier 2018 in Russland. Neben drei Stunden Dokumentation gibt es als Bonus eine Verlängerung von der Dauer eines Fußballspiels mit acht Kurzfilm-Dokumentationen (Spieldauer jeweils 10 bis 15 Minuten). Angenehm für Konsumenten des deutschen Staatsfernsehens mit seiner meist übertriebenen einseitigen nationalistischen Sichtweise ist bei dieser für den Weltmarkt produzierten Serie die objektive Betrachtungsweise der Personen und Mannschaften ohne besondere Vorlieben und Parteinahmen. Die thematischen Schwerpunkte konzentrieren sich fast ausschließlich auf den Sport und nur am Rand auf die oft interessanten Begleiterscheinungen außerhalb des Spielfelds. Unter der Rubrik „Ikonen“ werden die besten Trainer wie Sepp Herberger, Mario Zagallo, César Luis Menotti bis Joachim Löw vorgestellt. Mario Zagallo und Franz Beckenbauer waren als einzige Weltmeister als Spieler und Trainer. Zu den Torwart-Ikonen zählen Lew Jaschin, Dino Zoff, Oliver Kahn, Gianluigi Buffon und Manuel Neuer. Als beste Verteidiger gingen in die Geschichte ein: Bobby Moore, Franz Beckenbauer, Daniel Passarella, Fabio Cannavaro, Franco Baresi, Phillip Lahm und Carlos Alberto. Im Mittelfeld glänzten Bobby Charlton, Lothar Matthäus, Michel Platini, Johan Cruyff und Zinédine Zidane und im Sturm Eusebio, Paolo Rossi, Jürgen Klinsmann oder Gabriel Batistuta. Auch die besten Fußball-Frauen werden vorgestellt, darunter Mia Hamm, Michelle Akers, Abby Wambach, Birgit Prinz und Martha.

In einer historischen Dokumentation dürfen natürlich die großen Fußball-Klassiker nicht fehlen, über die noch Jahrzehnte danach gesprochen wird: Deutschland-Italien 1970 oder Deutschland-Niederlande 1974. Es gibt traditionelle Rivalitäten, wie zwischen Deutschland und den Niederlanden oder England und Argentinien, 1986 noch angeheizt durch den Falkland-Krieg und Diego Maradonas berühmtes mit der Hand erzieltes Tor. Zu den Fußballklassikern zählen auch Spiele mit unerwarteten Ergebnissen, so die Niederlagen Deutschlands gegen die DDR, Algerien oder Bulgarien. In der Kategorie „Top Ten“ werden legendäre Torwartparaden, Distanzschüsse, Kopfballtore, Tore nach Einzelaktionen oder Kombinationen vorgestellt. Auch unsportliche Seiten des Sports wie Foulen, Spucken oder Beißen werden nicht ausgespart. Und zwischendurch gibt es immer wieder Rekorde zu sehen, so von Torschützen oder vom schnellsten Eigentor. Unter witzige Momente fallen seltsame Haartrachten, zu den Skandalen zählen das unendliche Ballgeschiebe bei Deutschland-Österreich 1978, genannt die Schande von Gijon, oder 1938 der faschistische Gruß der Italiener. Die letzte Botschaft im dritten Teil lautet, dass nur Diego Maradona an den legendären Pelé heranreichen kann, und das trotz seines Tores mit der Hand 1986 gegen England und einem positiven Drogentest. Nebenbei schoss er in diesem Spiel auch das angeblich schönste Tor der WM-Geschichte. Seinen Karrierehöhepunkt erlebte der Argentinier bei der WM 1986 in Mexiko.

Die acht Kurzfilme als Bonus sind eine ideale Ergänzung. Miroslav Klose, der bis zum Alter von acht Jahren Pole war, ist mit 16 Treffern bislang der erfolgreichste WM-Torschütze, vor Ronaldo (15) und Gerd Müller (14). Die „Wiederauferstehung des deutschen Fußballs“ begann mit dem Tiefpunkt zur Jahrtausendwende mit einer mit deutscher Gründlichkeit durchgeführten Nachwuchsförderung. Nach den Pleiten bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 wurde ein Konzept der fließenden Formationen mit viel Offensivdrang eingeführt, das 2006 bei der Heim-WM Premiere feierte. Als „Entertainer“ werden unsterbliche brasilianische Fußball-Stars vorgestellt: Garrincha, Pelé, der Dreifach-Weltmeister mit vier Teilnahmen hintereinander, der die Nummer 10 prägte, Zico, der Ästhet Socrates, Romario, das Phänomen Ronaldo, der trickreiche Rivaldo, Ronaldino und Neymar. „Die goldene Elf“ bildeten die Brasilianer 1970 unter ihrem Trainer Mario Zagallo, der das „schöne Spiel“ prägte. „Der Weg an die Spitze“ zeigt den Aufstieg des Fußballs im Football- und Basketball-Land USA mit dem Höhepunkt der WM 1994 im eigenen Land. „Dreifache Weltmeisterinnen“ stellt das Frauenteam der USA vor, das 1991 in China, 1999 zuhause und 2015 in Kanada den Titel gewann. „Blaue Samurai“ demonstriert den Aufstieg des japanischen Fußballs. 1998 in Frankreich waren die Asiaten erstmals bei einer WM dabei und erreichten zweimal das Achtelfinale. Erfolgreicher waren ihre weiblichen Kolleginnen, zu sehen in dem Beitrag „Stolz und Freude“. Sie wurden 2011 in Deutschland Weltmeister nach Siegen gegen die Topmannschaften aus Schweden, Deutschland und USA, und sahen dies auch als Genugtuung nach nationalen Katastrophen wie einem Tsunami und dem Kernreaktorunglück in Fukushima.

Fazit: Diese offizielle filmische WM-Chronik der FIFA bietet spektakuläre Bilder von einer über alle Grenzen hinweg begeisternden Ballsportart, wobei sie sich vor allem auf die sportlichen Ereignisse beschränkt, darunter legendäre Spieleklassiker wie Deutschland-Italien oder Deutschland-England, die schönsten Tore und größten Triumphe, die nervenaufreibendsten Duelle im Elfmeterschießen und die stärksten Spieler aller Zeiten. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Spielerlegenden wie Gerd Müller, Pelé, Diego Maradona und heutigen Topstars wie Cristiano Ronaldo, Neymar, Lionel Messi und Manuel Neuer, den erfolgreichsten Trainern, stärksten Spielmachern, härtesten Verteidigern, besten Torwartparaden, stärksten Kopfballtoren, aber auch den größten Pech- und Paradiesvögeln und emotionalen Torjubelszenen. (Johannes Kösegi – 27.05.2018)